NILS PLATH
Frieze d/e Ausgabe 2, Herbst 2011


Städtische Galerie Nordhorn

Teils intuitiv betriebene Bastelarbeit, teils post-minimales Konzeptkunst-Versuchsszenario vereinen Antonia Lows bisherige installative Arbeiten sinnliches mit analytischem Interesse. Sie bedienen sich Techniken der Archäologie, um die Mechanismen der Repräsentation in Kunsträumen freizulegen. In ihrer Ausstellung und der gleichnamigen Rauminstallation Gewicht des Sehens (2011) in der Städtischen Galerie Nordhorn erfolgte der räumliche Eingriff jedoch ein wenig anders: Auf dem vollständig mit Spiegelplatten ausgelegten Boden des Ausstellungsraums stand eine Gerüstkonstruktion, mit der Low ein komplexes Spiel mit den Formen der Sichtbarkeit in Gang setzte.

Über ihre Funktion hinaus markieren Baugerüste üblicherweise unfertige Stellen im Sichtraum der Städte. Werden diese Bauwerke auf Zeit ? Allegorien für Konstruktion wie Destruktion ? überhaupt einmal eines Blickes gewürdigt, dann nie für sich und nur als Hindernis in der Sichtachse. Sie scheinen unsichtbar und sind doch nicht abwesend. Eindeutig raumbestimmend hingegen nahm sich das in dieser Ausstellung platzierte Gerüst ? ein hufeisenförmiger begehbarer Steg ? aus. Auf der offenen Seite der raumfüllenden Konstruktion verteilten sich einzelne entweder im Aufbau oder Abbau befindliche Gerüststücke. Schon im Moment der Installation dieser Arbeit hatte das seinem Gebrauchszusammenhang entfremdete Tragsystem auf den Spiegeln erste Spuren in Form von Sprüngen und Druckstellen hinterlassen. Mit jedem Ausstellungsbesucher wurden die Risse im polierten Spiegelbild dieses klassischen und Ende der 1990er Jahre nach einem Design von Stephen Craig in ein ausgedientes Industriegebäude gesetzten White Cube eindrücklicher.

Auftragsgemäß nahm Low Bezug auf dessen Architektur, lieferte einen Kommentar zu diesem Medium einer ausgesprochen gestrigen Kunst-Ästhetik. Ihre Arbeit zeigte den Pavillon, der den Platz einer ehemaligen Produktionsstätte der untergegangenen lokalen Textilindustrie einnimmt, möglichst hermetisch gegen alles Umgebende abgeschottet, als Showroom von Baumaßnahmen. Die architektonische Selbstbezogenheit, die diese White Cube-Monade als gegeben vorspiegelt, wurde als konstruierte Idealisierung freigelegt.

Ein weiterer Verweis machte sichtbar, dass auch diese vorgeblich zeitentrückte Ausstellungsarchitektur ihre Geschichte hat, künftigen Zerfall eingeschlossen. Denn interessiert an Orten, an denen die Ungleichzeitigkeit verschiedener Zeiten zu Tage tritt, ließ sich Low von Ausgrabungsstätten auf Zypern inspirieren, der des antiken Kourion etwa. Dort laufen Touristen über ganz ähnliche Stege wie hier in Nordhorn über das stellenweise einer Baustelle gleichende Gelände und zerstören mit ihren Schritten just jene freigelegten antiken Mosaike, denen ihre Blicke gelten. Obwohl nicht vordergründig als Arbeit mit interaktivem Charakter konzipiert, verunsichert Lows Installation gerade in ihrer Begehbarkeit die Wahrnehmung: indem sie diese ständig erfolgenden gegenläufigen Verweisen zwischen Innen und Außen, Gewesem und Zukünftigem aussetzt ? und zwar erst in dem Moment, in dem sich die Betrachter in diesem überdimensionierten Geschichtsmodell selbst spiegeln. Unbestimmt lässt diese Instandbesetzung aber eines: ob nicht die Geste der Infragestellung doch auch wieder eine zutiefst restaurative ist. Denn bestätigt das Angebot zur Brechung von Ansichten nicht doch nur auf ein Neues die fortgesetzte Selbstspiegelung einer Kunsteinrichtung, die sich nichts sehnlicher wünscht, als sich durch eine praktisch wirkungslose Institutionskritik in permanenter Selbstbefragung zu erhalten? Das blieb hier zerbrechliche Ansichtssache.



NILS PLATH
Frieze d/e Issue 2, Autumn 2011


Städtische Galerie Nordhorn

Antonia Low's installations to date part intuitive bricolage, part post-minimalist conceptual experiments combine the sensual with an analytical interest. Employing archaeological techniques, the installations reveal the mechanisms of representation inherent in the art space. In Gewicht des Sehens (Weight of Seeing, 2011) and the exhibition of the same name at Städtische Galerie Nordhorn, her intervention took a somewhat different approach: on a floor covered entirely with mirrors, she constructed a system of scaffolds with which she devised a complex game involving forms of visibility.

Beyond its function, scaffolding usually marks unfinished segments within the visual space of the city. If these temporary structures allegories of both construction and destruction are perceived at all, then it is never for their own sake and only as something that spoils the view. They seem to be invisible, but they are not absent. Yet the scaffolding placed in the exhibition a raised horseshoe-shaped walkway clearly defined the space. The open side of the room-filling construction was in the process of being either assembled or dismantled. Even as the work was being installed, it left traces on the mirrors in the form of cracks and dents. With every visitor to the exhibition, the polished mirror image of this classic white cube inserted into a disused industrial building under a design by Stephen Craig in the late 1990s became more and more splintered.

In keeping with her brief, Low referred to the architecture of the gallery while offering a commentary on this medium for a markedly passé art aesthetic. Her work turned the pavilion into a showroom for construction projects and sealed off the building as hermetically as possible from its surroundings: the former site of a factory belonging to the now-extinct local textile industry. The architectural autonomy projected as a given by this white cube monad was exposed as a constructed idealization.

Low suggests that exhibition architecture, which is normally taken as timeless, has a history, including future decay. Out of her interest in places where the asynchrony of different eras comes to light, the artist drew inspiration from archaeological sites on Cyprus, such as the ancient city of Kourion where tourists use similar raised walkways to view the ruins, parts of which resemble a building site. As they walk, they destroy the very mosaics they have come to see. Although not primarily conceived as an interactive piece, Low's installation has a walk-on quality which confuses the viewer's perceptions by constantly switching references to inside and outside, past and future references that are only activated when viewers find themselves reflected in this outsize model of history.

One thing the intervention fails to clarify is whether this questioning gesture might not actually be a deeply restorative one. Does the offer to break perceptions merely reaffirm the ongoing self-reflectivity of an art institution? An institution that has no fonder wish than to preserve its own existence by means of a practically ineffective institutional critique? Like the mirrored floor, these questions shall remain a fragile matter of opinion.

Translated by Nicholas Grindell


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