GABRIELE SAND
Auszug aus dem Publikationstext "Unter Über", 2013
Dorothea-Erxleben Stipendium, Hochschule für Bildende Künste HBK Braunschweig


Ansichten, Einsichten, Raumreflexionen

Verborgene Orte, Situationen hinter den Kulissen des öffentlich Sichtbaren, übersehene Nischen, Ecken und Räume, meist in Kunstinstitutionen, bilden den Kontext und den Ausgangspunkt der künstlerischen Arbeiten von Antonia Low. Es sind Erkundungen „anderer Orte“, oft mehr oder minder unsichtbare, außerhalb einer Wahrnehmung und Präsentation von Kunst befindliche architektonische Ereignisse, die Rückseiten von Installationen, technische Einrichtungen, provisorisch arrangierte Aufenthaltsbereiche, Abstellräume und Lager.
Diese Ansichten werden – fotografisch dokumentiert – in einen Prozess der künstlerischen Aneignung überführt, die einen Vorgang des Nachspürens, Subtrahierens, Zerlegens und Wiederzusammensetzens in Gang bringen. Es ist eine substanzielle Zentrierung, die diese „Nicht-Orte“ quasi ans Licht bringt.

Dabei verändern sich die Aggregatzustände der räumlichen Einsichten und werden zu Objekten, die Spuren legen zu ihren ursprünglichen Ver-Ortungen. So werden architektonische Randzonen des Sprengel Museums Hannover, der Berlinischen Galerie, des MMK Frankfurt und des Kunstvereins Braunschweig als Cut-Outs, die auf gerahmte Spiegelflächen geklebt sind, erst präsent.
Es werden Steckdosen und Lichtschalter, Leihgaben aus der HBK Braunschweig, aber auch Türklinken aus dem Kunstverein Braunschweig auf ihre skulpturale Qualität hin untersucht, in Keramik und Kunststoff reproduziert und wie in einer Versuchsanordnung auf Vitrinensockeln dargestellt.
Diese Vitrinensockel und -hauben wurden im Keller der Hochschule gefunden und werden nun mit ihren Gebrauchs- und Lagerspuren im Ausstellungsraum präsentiert.

Innerhalb dieses Arrangements hängt die Ansicht eines Schachtes: Es ist die dem Besucher verborgene Rückseitenkonstruktion der Rauminstallation „Dark Space“ von James Turrell im Sprengel Museum Hannover, auf ein Tuch gedruckt, sodass sich das Stabile und Manifeste der Konstruktion auflöst und in eine weiche Kontur verwandelt und damit die Raumdimension der Installation selbst infrage stellt.
Low entwickelt dabei ein System räumlicher Reflexionen, wie es in einer ähnlichen Weise Robert Smithson 1969 beschrieben hat: „In gewisser Hinsicht sind meine Nicht-Orte Räume in Räumen. Die Bergung aus den äußeren Randzonen führt uns zum Mittelpunkt zurück (…) Ich habe einen Punkt ausgesucht und Rohmaterialien gesammelt. (…) Es geht immer weiter und mutiert ständig in diese endlose Dopplung, sodass ein Nicht-Ort als Spiegel fungiert und der Ort als Reflexion.“ (…)
(Robert Smithson, „Fragmente eines Interviews mit P.A.(Patsy) Norvell“, in: Robert Smithson. Gesammelte Schriften, hrsg. von Eva Schmidt und Kai Vöckler, Köln 2000, S. 232)


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